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"Konrad Halver" -Special

   Marc Hairapetian
   (Bericht)

Blutsbrüder: Marc Hairapetian über Konrad Halver

Ich weiß nicht, wo ich beginnen soll, auch, wenn ich im Scherz manchmal "Schneeweißchen und Rosenrot" die "Schuld" an den Ereignissen gebe. Besagte „EUROPA“-Aufnahme war nämlich mein erstes Hörspiel überhaupt. Es gibt ein Schwarzweiß-Foto aus dem Jahr 1970, das mich im zarten Alter von zwei Jahren in einem Anzug mit kurzen Hosen und kecker Schiebermütze zeigt und bei dem ich trotzig dreinschauend das Plattencover in den Händen halte. Der grimmige Blick rührte bestimmt nicht vom Anhören der LP her, ganz im Gegenteil, die Märchenscheibe hatte mich schwer beeindruckt. Die titelgebende A-Seite rief in mir das erste Gefühlt von Verliebtheit hervor, wobei ich allerdings zwischen den beiden lieblichen Hörspiel-Schwestern Herma Koehn und Reinhilt Schneider hin- und her schwankte. Die Namen wusste ich übrigens von meinen Eltern, die mir die Sprecherangaben auf der Cover-Rückseite vorlasen. "Schneeweißchen und Rosenrot" war auch eine der ersten Begegnung mit klassischer Musik für mich. Ausschnitte aus Tschaikowskys "Dornröschen"-Ballett schufen nicht nur eine stimmungsvolle Untermalung der Dialogpassagen, sondern riefen eine große Sehnsucht in mir hervor. Und dann war da noch neben dem gemeinen und jämmerlichen, aber irgendwo auch erbarmungswürdigen Zwerg, der von Volker Bogdan intoniert wurde, der herzensgute Brummbär, der sich in der (Märchen-)Wirklichkeit natürlich als verzauberter Prinz entpuppte. Ihm lieh Konrad Halver sein wandlungsfähiges Timbre. Von meinen Eltern erfuhr ich auch, dass er bei beiden Hörspielen "Regie" führte. Und das tat er so gut, dass die zweite, wesentlich traurigere Seite mit der Geschichte von Andersens "Chinesischer Nachtigall" mich noch mehr rührte.

Ich hatte das Glück, mit vier Jahren schon lesen zu können, so dass ich fortan die Hörspiele, die mir meine Eltern kauften, nach Sprechern und Regie aussuchte. Sobald der Name Konrad Halver aufgeführt war, wollte ich die jeweilige LP haben, zudem der vom Schwarzweiß-Foto auf diversen Cover-Rückseiten lächelnde Schauspieler und Regisseur in Personalunion für mich selbst wie ein moderner Märchenprinz aussah. Was mit Grimms Märchen begann, wurde mit Karl May fortgesetzt. Sein von ihm edel und männlich, aber auch sensibel gesprochener Winnetou der EUROPA-Reihe wurde der erste Held meiner Kindheit. Immer wenn er zum Adagio von Antonin Dvoraks 9. Sinfonie in "Winnetou III, 2. Folge" sein Häutlingsleben mit den an Michael "Old Shatterhand" Poelchau gerichteten Worten "Scharlih, ich glaube an den großen weißen Manitou. Ich bin ein Christ." aushauchte, brach ich regelmäßig in Tränen aus. Konrad Halver hatte (und hat noch immer) etwas, was ihn von den meisten Hörspielmachern der Konkurrenz unterscheidet: Die eminent wichtige Fähigkeit, die kindliche Wahrnehmung ernst zu nehmen. Viele seiner Aufnahmen besitzen Humor, sind aber nie überzogen albern oder gar kindisch. Er konfrontiert(e) den jugendlichen Hörer auch mit Grausamkeit und Härte; man denke an den durch die plötzliche Ansammlung von Schaulustigen irritierten und gereizten Panther, der im wohl besten EUROPA-Hörspiel aller Zeiten, "Der Schatz im Silbersee", seinem Tierbändiger Salvatore Venuti den Kopf zu "Splittern und Brei" zermalmt. Niemand, der diese akustisch als Sinfonie des Grauens in Szene gesetzte Passage hörte, wird sie je vergessen.

Auf Konrad Halver kann man sich verlassen. Das Niveau seiner mit hochkarätigen Sprechern gespickten Produktionen ist - bis auf wenige Ausnahmen wie die reichlich vulgäre Comic-Adaption "Loranga, Lollipop und lauter Tiger" - immer hoch. Sein Wechsel von EUROPA zu BASF, später zum Jahreszeiten-Verlag, dann zur TELDEC bescherte unübertroffene Meisterwerke des Genres wie "Dracula - Jagd der Vampire", "Das Flaschenteufelchen" oder das Remake von "Der Graf von Monte Christo", bei dem "Das Stimmwunder von der Elbe" Halver in der Titelrolle die Wandlung vom strahlenden Jüngling über den zu Unrecht inhaftierten Edmond Dantes bis hin zum zornigen Racheengel in kongenialer Manier hörbar macht.

So begleitete er mich durch meine Kindheit und Jugend, ohne dass ich Gelegenheit hatte, mich für die guten Hörspiele bedanken zu können. Der Wunsch, ihn persönlich zu treffen, um mit ihm über "die wunderbare Welt der elektronischen Großmutter" zu sprechen, blieb trotzdem. Daß es dazu doch noch kam, bedurfte schon eines absolut unverhofften Hörerlebnisses. Ende 1990, als der Hörspielmarkt längst einen tiefen Einbruch erlebt hatte und man seiner Sammelleidenschaft nur noch in untersten Flohmarktkisten frönen konnte, lauschte ich in meinem Berliner Studentenzimmer in der Pause zwischen zwei Musikstücken mit mäßigem Interesse einem Radiowerbespot über Rentenversicherungen, bis mich die Stimme eines "alten Mannes" schlagartig aufhorchen ließ. Er klang wie "mein Winnetou", nur eben um Jahre gealtert. Das konnte, das musste Konrad Halver sein! Da ich nicht wusste, wie alt er bei den legendären EUROPA-Aufnahmen war, konnte ich sein wirkliches Alter nur mutmaßen. Immerhin freute ich mich, das er scheinbar noch im Geschäft war. Ich beschloss zu recherchieren (was damals in internetlosen Zeiten noch nicht so einfach war), um ihn für das von mir seit 1984 herausgegebene Film-, Thetater-, Musik-, Literatur- und Hörspielmagazin SPIRIT - EIN LÄCHELN IM STURM zu interviewen. Am Berliner Bahnhof Zoo wälzte ich vor der inzwischen nicht mehr ansässigen Post das Hamburger Telefonbuch durch, weil ich zumindest wusste, dass das EUROPA-Plattenlabel in Quickborn bei Hamburg ansässig war; vielleicht lebte Konrad Halver ja in der Hansemetropole. Und richtig vermutet. Da stand er mit Namen, Adresse und Telefonnummer!

Ich scheute mich davor, ihn anzurufen. Mit so etwas hatte ich schon mal schlechte Erfahrungen gemacht: Am 1. Mai 1990 hatte ich bei einem Telefonat mit Frau Vethake erfahren müssen, dass ihr Mann, der berühmte Berliner Hörspielmacher Kurt Vethake, den ich interviewen wollte, wenige Tage zuvor im Alter von 70 Jahren gestorben war! So schrieb ich Konrad Halver – man kann ja nie wissen! – vorsichtshalber einen Brief, in dem ich ihm mein Anliegen schilderte. Kühn schlug ich sogar einen Interviewtermin in Hamburg vor, der zwei Wochen später stattfinden sollte. Nach einem ohnehin geplanten Besuch bei meiner Mutter in Hannover war es zum „Tor zur Welt" nicht weit. Die Tage vergingen, ohne dass ich Antwort auf den Brief bekam. Plötzlich - einen Tag vor Ablauf der "Frist" und ich befinde mich längst bei Muttern in Hannover – klingelt das Telefon: Am Apparat Konrad Halver, der nach mir verlangt und mir wenig später erzählt, dass er beim ersten Überfliegen meines Briefes gedacht hatte: „Wieder so ein wildgewordener Hörspiel-Fan!“ – Ein Glück für mich, dass er den Brief samt beigefügtem Exemplar meines "Spirit"-Magazins noch einmal las, mich seines Anrufs würdigte...

Als wir uns einen Tag später in Hamburg von Angesicht zu Angesicht kennen lernten, war das „der Beginn einer wunderbaren Freundschaft“, sozusagen einer "Blutsbrüderschaft". Mit meinen 22 Jahren gehörten seinerzeit Leute über 40 für mich schon zu den älteren Semestern. Nicht so der damals 47jährige Konrad Halver, der vor Jugendlichkeit nur so sprühte. Unser erstes Interview, das in Gegenwart seiner Frau Sibylle und meiner damaligen Freundin Kati in seiner idyllischen Hamburger Wohnung in der Grindelhof-Terrasse im Uni-Viertel stattfand, wo er heute noch lebt, dauerte sechs Stunden, wobei drei Flaschen Burgunder dran glauben mussten... Am Ende des Gesprächs machte mir Konrad eines der schönsten Komplimente, das ich je bekam: "Für Leute so wie Dich mache ich meine Hörspiele!“

Von da an besuchten wir uns regelmäßig. Meinen 30. Geburtstag feierten wir zusammen, und mit meinem Husky-Labrador Hokis drehten wir schon einige Runden um den Grunewald. Konrad verdankte ich auch den Kontakt zu seinem unvergesslichen Stammsprecher und väterlichen Freund Hans Paetsch, der mich mehrmals in herzlichster Weise in seinem wahrlich märchenhaften Haus in Hamburg-Farmsen empfing und kurz vor seinem 90. Geburtstag sogar meine kurz zuvor geborene Tochter Laetitia-Ribana auf „großväterlichem“ Schoß hin- und her wiegte.. Konrad hat eine seltene Charaktereigenschaft, die ich so an ihm liebe: Er führt gerne (ohne Eigeninteresse) kreative Köpfe zusammen und nimmt nicht nur zur Kenntnis, sondern auch Anteil am Leben der anderen, insbesonders am dem seiner Freunde. Einfühlungsvermögen, Begeisterungsfähigkeit, Offenheit und sein stark ausgeprägter Humor machen ihn natürlich nicht nur für mich zu einem unverzichtbaren Menschen. Er ist jemand, der nicht nur in guten, sondern auch schlechten Zeiten für dich da ist. (Vom beiden, Konni, haben wir schon einiges erlebt, nicht wahr?!) Wie alle Menschen hat er auch ein paar Schwächen - die größte ist wohl seine fast grenzenlose Gutmütigkeit, die manchmal Gefahr läuft, von den falschen Leuten ausgenutzt zu werden. Konrad ist vieles - nur kein Egoist. Durch seine Initiative kam auch die Website meines Kulturmagazins SPIRIT - EIN LÄCHELN IM STURM www.spirit-fanzine.de, die seit Anfang 2003 online ist, zustande. Meine inzwischen fünfeinhalbjährige Tochter Laetitia-Ribana brachte es kürzlich nach einem seiner letzten Berlin-Besuche auf den Punkt: "Konrad ist cool!"

Seine Fähigkeiten als einer von Deutschlands wohl besten Hörspielmachern sind unbestritten. Ich freue mich, dass er dank der seit der Mitte der 1990er Jahre anhaltenden Hörspiel-Renaissance wieder so gut im Geschäft ist und mit beispielsweise "Der Magier, Folge 1, 2 und 3“ und „Die Mumie“ neue Maßstäbe im Horror-Genre gesetzt hat. Besonders unvergeßlich sind mir die "Maritim"-Aufnahmen in seinen Hamburger Graceland-Studios zu "Satan und Ischariot" im Frühjahr 2003, bei dem die SPIRIT-Crew einige Indianer- und Siedlerstimmen im Hintergrund übernehmen durfte. Ob es sich um seine kürzlich eingespielte Oskar-Werner-Hommage oder die mit Ethnorock entstaubte Karl-May-Lesung "Blutrache", bei der er alle Figuren intonierte, handelt: Mit Konrad Halver ist auch in Zukunft als Hörspielmacher- und Sprecher zu rechnen.

Und nun ruh' Dich nicht auf Deinen Lorbeeren aus, lieber Konni, sondern stemm' endlich die Remakes der Remakes Deiner eigenen Hörspiel-Klassiker wie "Winnetou" oder "Der Flaschenteufel" aus dem Tonstudioboden! Erfüll außerdem Dir und uns Deinen langgehegten Traum einer "King Kong"-Hörspielproduktion!

Herzlichst, Dein
Marc Hairapetian

 

Marc Hairapetian ist Herausgeber der Zeitschrift SPIRIT - EIN LÄCHELN IM STURM
( spirit-fanzine.de )
und arbeitet als Freier Journalist für u.a. für Spiegel-Online, Die Welt, Frankfurter Rundschau, Berliner Zeitung, Neue Zürcher Zeitung; Filmdienst und Cinema.

 

 


in Kooperation mit
Horst Kurth
www.hoerfabrik.de

... und vielen, vielen anderen Beteiligten!


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Kontakt: CHRizzz | eMail: chrizzz@hoerspiele.deGrafik by ''Lillebror''



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