Was für einen typischen Sherlock-Holmes-Fall Marc Gruppe aus
Herman Cyril McNeiles Vorlage gezaubert hat! Und welch gelungene Inhaltsangabe!
Der Meisterdetektiv agiert entsprechend des Textes auf der Rückseite der CD.
Zur Abwechslung ist sein Chronist und Freund Dr. Watson schlecht gelaunt und
lässt das insbesondere an Inspektor Lestrade aus, der ebenfalls am Tatort
ermittelt. So kommt es zu einer netten Abwechslung innerhalb der Serie: Holmes
mäßigt Watson statt andersherum.
Das Hörspiel kommt sehr menschlich und humoristisch daher.
Die heiteren Momente ergeben sich aus dem ungewohnten Verhalten bzw. der ungewöhnlichen
Zusammenarbeit der bekannten Figuren – allesamt verursacht durch Holmes
geheimnisvolle Planungen, die letztlich den Mord in einem spannenden und
überraschenden Finale aufklären.
Neben dem gelungenen Fall ist eine weitere Stärke des
Hörspiels wie die Handlung so gekonnt mit den bekannten Figuren spielt. Marc
Gruppe und Stephan Bosenius verstehen es perfekt das so menschliche Verhalten, welches
insbesondere zwischen den gesagten Zeilen zu finden ist, von den großartigen
Sprechern auf den Punkt spielen zu lassen. Die Gemütswandlungen von Dr. Watson
und Mrs. Hudson haben großen Spaß gemacht.
Joachim Tennstedt (Holmes), Detlef Bierstedt (Watson),
Regina Lemnitz (Hudson) und Lutz Reichert (Lestrade) sind in Höchstform. Es ist
die reinste Freude ihrem Spiel zu Lauschen. Für mich ist es zugleich das bisher
schönste Lestrade-Hörspiel und das erste Mal, das er mir trotz seiner
kurzsichtigen Art absolut und durchgängig sympathisch ist. Er ist mir nicht
einmal auf die Nerven gegangen!
„Und informieren Sie das Yard, Herr
Stationsvorsteher!“, ruft Lestrade in Track 6. „Yard“ wird sich auf „Scotland
Yard“ beziehen und die Londoner Polizeibehörde meinen. Laut Duden ist „Scotland
Yard“ ein maskuliner Eigenname, daher müsste es „den Yard“ heißen. Es sei denn,
Lestrade bezieht sich auf die Längeneinheit „Yard“. Dann ist der Artikel
korrekt, aber es dürfte am geistigen Zustand des Inspektors gezweifelt werden. Ich
hätte wohl den Eigennamen nicht abgekürzt und keinen Artikel verwendet: „Und informieren
Sie Scotland Yard, Herr Stationsvorsteher!“
Das ist nur eine Kleinigkeit, die mir aufgrund meiner John Sinclair
Vergangenheit aufgefallen ist. Lestrade ist es zuzutrauen, sich im Eifer beim Artikel
zu vergreifen, ebenso wie bei seinen ermittlungsbezogenen Schlussfolgerungen.
Dass es an Lestrades Verhalten einiges auszusetzen gibt, ist
Programm. In diesem Fall frage ich mich, ob es ein unbedachtes Vorgehen des
Inspektors ist oder in der damaligen Zeit (oder vielleicht heute noch) normal
war (ist): Die Zeugen werden nicht separat befragt, sondern in Anwesenheit der
anderen Zeugen. Das ist wegen ihrer Einwürfe amüsant, aber ist das klug?
Bert Stevens gehört ebenso zu den Schauspielern, die gekonnt
Emotionen stimmlich zum Ausdruck bringen – besonders als er in der Arztrolle
dem Inspektor eine unbequeme Wahrheit mitteilen muss.
Ein absoluter Höhepunkt ist Jürgen Thormanns Auftritt als
Major Blackton. Wunderbar herablassend! Ich habe mich königlich amüsiert. Dazu
gesellt sich Bodo Primos als heiterer, aber „durstiger“ Mr. Meredith.
In weiteren Rollen überzeugen David Nathan, Patrick Bach,
Horst Naumann, Ursula Wüsthof und Patrick Stanke. Stanke ist eine
Traumbesetzung, wie alle anderen Sprecher in diesem Hörspiel, da sein Spiel und
seine Stimme perfekt zu den Eindrücken passen, die der Meisterdetektiv und die
Hörer von den Figuren gewinnen sollen.
Ertugrul Edirnes famose Cover-Illustration zeigt eine aufregende
Szene vom Anfang des Hörspiels, die sehr gut zum Klangbild des Hörspiels passt.
Denn dieses überzeugt mit vielen Details – analog zur Illustration – und bleibt
stets unaufdringlich (inklusive der Musik), sodass es unmöglich ist, sich dem
Sog des Hörspiels zu entziehen.
Fazit
Ein überraschend abwechslungsreiches und kurzweiliges Hörspiel das trotz
seiner langen Laufzeit mir jedes Mal aufs Neue wie ein kurzer 50-minütiger Fall
vorkommt. Selten hatte ich das Vergnügen einen so typischen Holmes-Kriminalfall
so untypisch vielfältig und vor allem unterhaltsam präsentiert zu bekommen.
Ganz großes Hörspielkino!